Digitalisierung Vergabe
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EU-Vergaberechtsreform 2026: Mehr Spielraum, weniger Bürokratie?

Die Europäische Kommission arbeitet derzeit an einer grundlegenden Überarbeitung des Vergaberechts. Ein zentraler Baustein auf dem Weg dorthin ist der Ergebnisbericht zur öffentlichen Konsultation, der Ende März 2026 veröffentlicht wurde. Über 1.000 Rückmeldungen aus ganz Europa zeichnen ein recht klares Bild davon, wo die Praxis drückt – und wohin die Reise gehen könnte.

Breite Beteiligung – klare Botschaften

An der Konsultation beteiligten sich 1.037 Akteure aus unterschiedlichen Bereichen: Unternehmen, öffentliche Auftraggeber, Verbände und zivilgesellschaftliche Organisationen. Der Großteil der Beiträge kam aus EU- und EWR-Staaten, mit besonders starker Beteiligung aus Deutschland.

Die Erwartungen an die Reform sind erstaunlich einheitlich. Viele Teilnehmer sehen im bestehenden Rechtsrahmen vor allem eines: zu viel Komplexität. Die Forderung nach Vereinfachung zieht sich durch nahezu alle Themenbereiche.

Flexibilität statt starrer Vorgaben

Ein zentrales Ergebnis der Konsultation ist der Wunsch nach mehr Flexibilität. Die aktuellen Richtlinien werden von vielen als zu rigide wahrgenommen – insbesondere bei der Durchführung von Verfahren und bei Vertragsänderungen.

Gleichzeitig zeigt sich: Die bestehenden Regelungen schaffen zwar Transparenz und tragen zur Korruptionsbekämpfung bei, lassen aber oft wenig Spielraum für praxisnahe Lösungen.

Für die künftige Ausgestaltung bedeutet das: Weniger Detailvorgaben, dafür mehr Verantwortung und Entscheidungsspielraum auf Seiten der Auftraggeber.

Abschied vom reinen Niedrigstpreis

Ein weiterer deutlicher Trend ist die Abkehr vom reinen Preiswettbewerb. Stattdessen rückt das „beste Preis-Leistungs-Verhältnis“ stärker in den Fokus.

Das ist nicht neu, gewinnt aber weiter an Gewicht. Qualität, Nachhaltigkeit und Innovationsfähigkeit sollen künftig stärker berücksichtigt werden. Für Unternehmen bedeutet das: Wer sich allein über den Preis positioniert, wird es schwerer haben.

Digitalisierung: Fortschritt mit Luft nach oben

Die Digitalisierung wird insgesamt positiv bewertet. Elektronische Vergabeprozesse haben nach Einschätzung vieler Beteiligter den Aufwand reduziert und Abläufe beschleunigt.

Trotzdem sehen viele noch Verbesserungspotenzial – vor allem bei der Vernetzung von Systemen. Statt weiterer Zentralisierung wünschen sich viele eher interoperable Lösungen, die vorhandene Strukturen besser miteinander verbinden.

Strategische Beschaffung gewinnt an Bedeutung

Neben Effizienz und Vereinfachung rückt ein weiterer Aspekt stärker in den Fokus: die strategische Ausrichtung der Beschaffung.

Dazu zählen insbesondere:

  • Förderung europäischer Wertschöpfung („Made in Europe“)
  • Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialkriterien
  • stärkere Einbindung von Innovationen

Diese Ziele sind politisch gewollt, stoßen in der Praxis aber auch auf Skepsis. Einige Teilnehmer warnen davor, dass zusätzliche Anforderungen die Verfahren weiter verkomplizieren könnten.

Konzessionen und sektorspezifische Regeln

Auch im Bereich der Konzessionsvergabe sehen viele Beteiligte Anpassungsbedarf – vor allem bei der Vertragsausführung und bei Laufzeiten.

Zudem wird eine bessere Abstimmung mit sektorspezifischen Regelungen gefordert. Ziel ist ein kohärenter Rechtsrahmen, der weniger Widersprüche und Grauzonen aufweist.

Wohin geht die Reise?

Die Ergebnisse der Konsultation sind kein fertiges Reformkonzept. Sie bilden jedoch eine wichtige Grundlage für den kommenden Legislativvorschlag der Kommission, der für das zweite Quartal 2026 angekündigt ist.

Die Richtung ist klar:

  • weniger Bürokratie
  • mehr Flexibilität
  • stärkere strategische Ausrichtung

Ob diese Ziele tatsächlich miteinander in Einklang gebracht werden können, bleibt abzuwarten. Denn gerade die Verbindung von Vereinfachung und zusätzlichen politischen Zielsetzungen dürfte eine der größten Herausforderungen der Reform werden.

Fazit

Die Konsultation zeigt deutlich, dass das bestehende Vergaberecht an seine Grenzen stößt. Der Wunsch nach Vereinfachung ist groß – gleichzeitig steigen die Erwartungen an die öffentliche Beschaffung als politisches Steuerungsinstrument.

Die kommende Reform wird sich daran messen lassen müssen, ob sie diesen Spagat schafft: ein Regelwerk, das sowohl praktikabel als auch strategisch wirksam ist.